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martes, 31 de julio de 2012

Interview Pablo Ardouin mit Diether Dehm



Interview Pablo Ardouin mit Diether Dehm

Fast jeder Deutsche hat Strophen seiner Hits schon einmal mitgeträllert: „Tausendmal berührt“, „Faust auf Faust“, „Was wollen wir trinken“, „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Texte und Musik auf seiner neuen CD „Große Liebe.Reloaded“ werden von Konstantin Wecker, Heinz Rudolf Kunze (der gelegentlich für die CDU warb) und Peter Maffay (der im SPD-Wahlkampf sang) hochgelobt

Pablo Ardouin: Wie hat ein überzeugter Marxist, der Du ja seit langem bist, es in Hitparaden geschafft, viele Gold- und Platin-LPs produziert?

Diether Dehm: Die Songs nahmen Wege von weit links in die Mitte der Gesellschaft. „Was wollen wir trinken“ war 1978 für das „Rock gegen Rechts-Festival“ gegen den NPD-Bundesparteitag in Frankfurt gemacht worden, und heute ist es auf CDs mit Partykrachern – was mich übrigens gar nicht stört. „Das weiche Wasser“ habe ich für die niederländischen bots und gegen die US-Raketen im Oktober 1981 geschrieben, später auf Wunsch von Willy Brandt für die 125-Jahr-Feier der SPD als Parteihymne modifiziert. Auf meiner aktuellen CD singe ich es als harte Rock-Version mit Übersetzung der 93jährigen Folk-Legende Pete Seeger.

P.A.: Mit einigen Künstlern, mit denen Du gearbeitet hast, bist du nicht mehr in so gutem Kontakt, zum Beispiel BAP...

D.D.: Als Wolfgang Niedecken in Richtung Joschka Fischers Bomben auf Belgrad ging, war das ein Scheidepunkt. Wer nur, solange die Friedensbewegung Sendeplätze und neues Publikum brachte, dabei war, wie auch Wolf Biermann, den ich gemanagt habe, ist nicht so mein Fall.

P.A.: Du sollst als dessen Manager gegen Wolf Biermann spioniert haben. Der BILD-Zeitung sagtest Du hingegen, die Stasi hätte gegen Dich eine Fahndung angeordnet?!

D.D.: Ja, das entsprechende Dokument hängt zuhause bei mir neben meinen Gold-LPs. Leider konnte ich es, dank Gauck, aber erst Monate später einsehen, nachdem Stasi-Akten über mich bei BILD und SPIEGEL längst öffentlich ausgeschlachtet waren. Nach Biermanns DDR-Ausbürgerung, Ende `76, habe ich zusammen mit Wolfgang Abendroth und Günter Wallraff eine Protestresolution formuliert, beim SED-Politbüro Kurt Hager übergeben und in Ostberlin verteilt. Daraufhin wurde ich über die Grenze abgeschoben. Das war dann das Ende vieler Kontakte zu SED und DKP.

P.A.:  Mit früheren Freunden hast Du dich entzweit, dafür mit früheren Gegnern befreundet - wie Peter  Gauweiler?

D.D.: Der hat, wir wir Linken, gegen Kriegseinsätze gestimmt, gegen den permanenten Banken-Rettungsschirm ESM und, wie Gewerkschafter und wir, gegen den Fiskalpakt geklagt. Gregor Gysi hat sogar für unsere Fraktion Gauweilers Klage gegen Afghanistan-Einsätze damals voll übernommen. Bei seinen Klagen gegen den Lissabon-Vertrag geht Gauweiler zwar mehr von der nationalen Souveränität aus, während wir eher vom Sozialstaatsgedanken ausgehend Demokratie, Rechtsstaat und Grundgesetz verteidigen. Gauweiler streitet aber auch gegen Holocaust-Leugner, sowohl gegen den althergebrachten als auch gegen den Neo-Rassismus, der sich mit Neoliberalismus paart. Diese neue Herrenmenschenideologie findet sich etwa bei dem Massenmörder Anders Breivik, der sich in seinem Manifest-Kauderwelsch auf neoliberale Eliten in Pentagon und Wallstreet, im Likud und sogar auf den Hetzer Hendryk Broder beruft. Das ist durchaus eine neue Gefahr von rechts.

P.A.: Jürgen Elsässer hat Dir früher einmal eine fundamentale Formveränderung des Faschismus vorgehalten: früher als aggressiver Nationalismus, heute als aggressiver Antinationalismus?

D.D.: Der große bulgarische Widerstandskämpfer Georgi Dimitroff hat 1935 gesagt, der Faschismus „an der Staatsmacht sei die terroristischste Diktatur des aggressivsten Finanzkapitals“. Dass diese Glatzen mit ihrem Terror gegen Migranten und uns so schnell wieder Partner dieses Finanzkapitals würden, ist unwahrscheinlich. Die Finanzmärkte kämpfen nicht gegen „Ausländer“, sondern gegen Arme, die sich nicht wehren können. Und gegen jede organisierte Schutzmacht sozialer Gerechtigkeit. Die Faschismen auf der Welt waren zwar unterschiedlich, mehr oder weniger völkisch, mehr oder weniger antisemitisch. Aber gleich nach der Machtübernahme wurden stets Gewerkschaften blutig verfolgt. Vergessen wir nicht: Im Bankhaus Deutz hat Hitler mal den versammelten Finanzhaien gesagt, wirtschaftspolitisch sei er selbst „ein Liberaler“.

P.A.: Der Neoliberalismus greift auch Nationalkulturen an. Wo bleibt der Widerstand?

D.D.: Je mehr ein Land von imperialistischer Bankenmacht erpresst und ausgeplündert wird, desto widerständiger, gelegentlich regionalistischer, bäumen sich einzelne Nationalkulturen auf. Beispiel: indigene Traditionen Boliviens. Nimm´ Chile. 1973, da wurde unter dem Bluthund Pinochet und seinen Chicago-Boys der erste neoliberale Faschismus herbei geputscht. Auf dessen Gegenseite: Volksmusikgruppen wie Inti Illimani, Quilapayun und vor allem der Volkssänger Victor Jara. Und: Dass Mikis Theodorakis jetzt in Griechenland gerade unter der Jugend so populär ist, hat denselben Hintergrund. In Deutschland muss sich eine nationale Kultur, wie in dem Brecht-Lied deutlicher abgrenzen gegen nationalistische Überhöhung: „Und das liebste mag's uns scheinen, so wie anderen Völkern ihr`s,“ In meiner Arbeit mit der Gruppe „Zupfgeigenhansel“ haben wir Volkslieder komplett anders, leichtfüssiger, als im „ZDF-Musikantenstadl“, arrangiert. Und in jedem Konzert jiddische Lieder und anderes Untergepflügte als deutsche Lied-Kultur in neuem Klang wiederentdeckt.

P.A.:  In den 1980er Jahren war Euer musikalischer Hauptgegner ZDF-Heck und Ernst Mosch. Haben sich die Zeiten nicht geändert, geht heute nicht die Hauptgefahr vom angloamerikanischen Schund aus?

D.D.: Meine Lieder waren damals eher Gegengift zum deutschen Schlager. Ich habe mich am Linken Woody Guthrie mit „This Land is Your Land“ orientiert oder „Sag' mir, wo die Blumen sind?“, das Pete Seeger für die Emigrantin Marlene Dietrich schrieb, oder am jüdischen Sänger Billy Joel. Und jetzt an der neuen CD von Bruce Springsteen: was ein radikaler Aufschrei gegen Bankenmacht ist. Ohne diese US-Impulse ging gar nichts. Das Problem waren marktbeherrschende Unterhaltungskonzerne, der sich deutsche Schundmacher peinlich-devot unterwarfen, ob BMG, Hauptsitz München, Fox in Los Angeles, oder Sony, Die Zukunft der demokratischen Kultur liegt bei Independent Labels. Meine neue CD zum Beispiel ist bei „Conträr-Musik“ erschienen, wo auch die wunderbaren Franz-Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Manfred Maurenbrecher im Katalog sind.

P.A.:  Verteidigung der Nationalkultur – sollen unsere Fußballspieler nicht wenigstens die Nationalhymne mitsingen?

D.D.: Als Freitag-Herausgeber Jakob Augstein während der Fußball-Europameisterschaft in eine Deutschlandfahne gerotzt hat, fand ich das degoutant. Aber Fußballspieler zum Mitsingen der Hymne zu zwingen, ebenso. Manchmal singe ich mit, manchmal stehe ich sogar dazu auf, manchmal ist mir gar nicht danach. Wer daraus eine Religion macht, schadet der Sache.

P.A.:  Würdest Du dich als Linksnationalen bezeichnen?

D.D.: Ich bin im Sinne Gustav Heinemanns Verfassungspatriot. Unser Grundgesetz hat mit Sozialstaatlichkeit, Angriffskriegsverbot, Vergesellschaftungsartikel 15, demokratischer Gewaltenteilung die großartigsten Vorsätze der Welt! Außerdem: Ohne Thomas Mann, Beethoven, Brecht und Eisler kann europäische Kultur ebenso wenig von unten wachsen, wie ohne Verdi, Picasso und Balzac. Die Liebe zu dem, was vielen Menschen Heimat wurde, darf weder pseudolinkem Snobismus geopfert, noch kampflos braunen Okkupatoren überlassen werden. Zur deutschen Liedkultur gehören immer auch die der verfolgten Arbeiterbewegung.

P.A.:  Deine aktuellen Liebesliedern dürften sicher - wieder mal - von linken Zynikern „Kitsch“ vorgeworfen bekommen.

D.D.: Kitsch ist ein unübersetzbares deutsches Wort, ein Kampfbegriff, mit dem sich deutsche Eliten Kulturen sogenannter kleiner Leute vom Hals hielten. Warum gelten Dürers „Betende Hände“ in der Museumsvitrine als Kunst, aber kopiert in einer Arbeiterwohnung als Kitsch? Ich liebe manches, was manches Feuilleton als Kitsch verachtet.

P.A.: Wenn ein so politischer Mensch wie Du eine CD ausschließlich mit Liebesliedern macht, könnte man das als Rückzug deuten.

D.D.: Liebe ist immer auch Rückzug. Ein Kämpfer, der sich nicht auch mal zurückzieht, wird Kraft einbüßen. Auf der CD geht es viel um Liebe beim Älterwerden, die Erleichterung, dass sich da kein Erotikverzicht einstellt, wie bei unsern Eltern. Viele Mails von jugendlichen Hörern meines Songs „Halt aus“ finden gut, wenn ich den Jugendfetisch aufs Korn nehme. Manchmal sind doch die schlanken und ranken Boys und Girls bei BRAVO und BILD wie von BDM und HJ abgekupfert, nur halt mit Tattoo und Piercing.

P.A.: Der nächste Vorwurf von Achtundsechzigern dürfte sein, dass Du heterosexuell fixiert bist, weil es nur um Liebe zwischen Mann und Frau geht....

D.D.: Da ist bisschen was dran, obwohl etwa „1000 mal berührt“ oder „Lass mich fallen wie Schnee“ ebenso in Schwulenkreisen gespielt werden. Oder nimm Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“.

P.A.: Würdest Du der These zustimmen, dass Liebe nur dann überlebt, wenn männliche wie weibliche Identitäten stark bleiben – anstatt Unterschiede modisch zu verwischen?

D.D.: Also, für mich waren der hohe Gesang und die langen Haare der Beatles die erste Befreiung. Das wurde ja sowohl in der DDR wie in Westdeutschland als weibisch abgetan. Aber mir fröstelt, wenn irgendein Diktat Frauen ihre Weiblichkeit und Männern Männlichkeit ausreden will. Seit bestimmte Tätigkeiten in der Produktion nicht mehr männlicher Muskelkraft bedürfen, gibt es zwar eine Feminisierung der Lohnarbeit. Aber wenn ich dann Bruce Springsteen sehe oder Shakira, bin ich künstlerisch beruhigt.

    

*     Diether Dehm, 62, schrieb u.a. für Klaus Lage, Joe Cocker, Christopher Cross, Stomp; als TV-Autor für Joachim Kulenkampff, Thomas Gottschalk; wurde 1966 SPD-Mitglied, später SPD-Unternehmerchef und MdB. 1998 trat er zur PDS/Linke über und zog für sie 2005 und 2009 in den Bundestag.
*    Pablo Ardouin, Musiker, Gitarrist, Liedautor und Schriftsteller, von Victor Jara persönlich Anfang der 1970er Jahre als bester politischer Nachwuchssänger Chiles ausgezeichnet,  floh vor der Pinochet-Diktatur in die Bundesrepublik und lebt heute in Niedersachsen.

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